Veranstaltungen von „Zum Beispiel Dachau“

 


  • EINLADUNG zur Wanderausstellung "Der Lebensborn e.V." in Dachau, Thoma Haus, Thiemann Gewölbe vom 8. bis 22. Juni 2013 und zu begleitenden Veranstaltungen: Faltblatt herunterladen


21. März bis 25. April 2003

Ausstellung anlässlich des 70. Jahrestags der Errichtung des KZ Dachau
im Dachauer Rathaus zusammen mit dem Amt für Kultur, Fremdenverkehr und Zeitgeschichte

Endstation Dachau

 

Der Todeszug aus Buchenwald

Am 27./28. April 1945 traf in Dachau ein Transport mit mehr als 2400 Häftlingen aus dem Konzentrationslager Buchenwald ein. Hinter den Gefangenen lag eine Fahrt des Schreckens, die 21 Tage lang gedauert hatte. Hunderte von ihnen hatten unterwegs den Tod gefunden - sie waren verhungert, oder erschlagen und ermordet worden. Die SS-Wachmannschaften, die den Transport begleitet hatten, kannten kein Erbarmen mit den Opfern. Wer versuchte, aus dem Todeszug zu entkommen, wurde erschossen.

Der Transport, der zunächst für das KZ Flossenbürg bei Weiden in der Oberpfalz bestimmt war, gelangte auf Umwegen schließlich nach Dachau. Da auf dem Schienenweg in Deutschland, der immer wieder alliierten Luftangriffen ausgesetzt war, in den letzten Kriegstagen kaum noch ein Fortkommen möglich war, musste der Zug bis nach Pilsen umgeleitet werden. In Nammering am Rande des Bayerischen Waldes endete vorerst die Schreckensfahrt, weil die Strecke für die Weiterfahrt durch ein Eisenbahnunglück bei Tittling gesperrt war.

Mit Entsetzen sah die einheimische Bevölkerung, welche Tragödie sich in den Waggons vor ihren Augen abspielte. Nach mehr als fünf Tagen ging die Reise weiter nach Dachau, wo sich die Bevölkerung ein Bild von dem Elend in den Wagen machen konnte. Die Entdeckung des Todeszugs aus Buchenwald - die Waggons reichten bei der Länge des Zugs aus dem SS-Lager bis in die Friedensstraße hinein - führte nicht zuletzt dazu, dass die amerikanischen Befreier mit größter Entschlossenheit zum Angriff auf das Gelände der SS ansetzten, um noch Schlimmeres, wenn es überhaupt noch eine Steigerung gab, zu verhindern.

Der Verein „Zum Beispiel Dachau“ will mit dieser Ausstellung der Opfer des Todeszugs aus dem Konzentrationslager Buchenwald gedenken und zugleich damit einen Beitrag zur Erinnerung an den 70. Jahrestag der Errichtung des KZ Dachau leisten.

Ausstellungseröffnung am 20. März 2003, 19:30 Uhr im Rathausfoyer,
Begleitveranstaltung am 29. April im Josef-Effner-Gymnasium.


Mittwoch 11. Oktober 2000, 19 Uhr, Jugendgästehaus Dachau, Roßwachtstr. 15:

Wen ermordete die SS auf dem Schießplatz bei Hebertshausen ?

Durch systematischen Massenmord an über 4000 sowjetischen Kriegsgefangenen wurde auf dem SS-Schießplatz bei Hebertshausen eines der schlimmsten Verbrechen der Naziherrschaft in Bayern begangen. Die Namen der Getöteten durften nach Anweisung durch die SS-Führung im KZ Dachau nicht in die Lagerliste aufgenommen werden. Nur die Nummern ihrer Erkennungsmarken wurden registriert. So sollte ihre Identifizierung für immer unmöglich gemacht werden.

Dr. Reinhard Otto aus Lemgo versucht seit Jahren, diesen Erkennungsmarken ihr menschliches Gesicht zurückzugeben. Er ist einer der wissenschaftlichen Leiter eines deutsch-russischen Pilotprojekts zur Feststellung von Namen und Biographien der Ermordeten. In Dachau berichtet er nun über seine neuesten umfangreichen Erkenntnisse bei der Auswertung der russischen Archive. So lassen sich nicht nur Namen feststellen und Biographien rekonstruieren, sondern es ist in Einzelfällen sogar schon gelungen, sich mit Angehörigen dieser Opfer des Nationalsozialismus in Verbindung zu setzen und sie vom Schicksal der bislang als verschollen geltenden Männer in Kenntnis zu setzen. Der Verein "Zum Beispiel Dachau" möchte mit diesem Vortrag anregen, dass die neugestaltete Ausstellung in der KZ-Gedenkstätte zukünftig konkreter auf dieses dunkle Kapitel eingeht.

Interessierte sind herzlich eingeladen, der Eintritt ist frei.


Bericht der Süddeutschen Zeitung vom 14.10.2000:

Forschen nach Schicksalen in der „Buchführung des Todes“

Reinhard Otto referiert über die Ermordung russischer Kriegsgefangener

Von Robert Probst
Dachau. "Überwiesen an Gestapo". Mit diesem Stempel quer über die Personalkarten wurde in den Jahren von 1941 bis 1945 das Schicksal sowjetischer Kriegsgefangener besiegelt. Der Stempelaufdruck bedeutete in den meisten Fällen die Erschießung der Kriegsgefangenen - unter anderem auf dem SS-Schießplatz bei Hebertshausen. Der Historiker Reinhard Otto referierte auf Einladung des Vereins "Zum Beispiel Dachau" über eines der größten deutsch-russischen Forschungsprojekte zur NS-Zeit.

Vor 25 Zuhörern zeichnete Reinhard Otto den langen Weg von der ersten Pilotstudie über Kriegsgefangene der Roten Armee bis hin zum Kooperationsvertrag mit Russland über die Auswertung riesiger Bestände deutscher Akten im Zentralen Archiv des Verteidigungsministeriums der Russischen Föderation in Podolsk nach. Otto sprach von einem mühsamen Weg, war man zunächst doch davon ausgegangen, daß über sowjetische Kriegsgefangene überhaupt keine Akten aufzufinden seien. Doch mit der Zeit und durch einen Zufallsfund habe sich herausgestellt, dass die deutschen Behörden nicht nur über die Inhaftierten der Konzentrationslager, sondern auch über die Kriegsgefangenen "penibel Buch geführt" hatten.

"Bürokratisch genau" habe die Wehrmacht die sowjetischen Gefangenen registriert. Zwei Personenkarten, eine Erkennungsmarke und ein Erkennungsmarkenverzeichnis, alles gesammelt von der Wehrmachtsauskunftsstelle in Berlin, sowie Sterbefallnachweise und Todesfallregister lassen zumindest theoretisch einen lückenlosen Nachweis des Leidenswegs der Gefangenen zu. In Podolsk, wo mehr als 3,5 Millionen Unterlagen aus dieser "Buchführung des Todes" lagern, sollen nun zunächst die Karten von 60.000 Offizieren per Computer erfasst werden. Die komplette Erschließung der Akten wird voraussichtlich zehn Jahre dauern. "Aber man wird keine andere Wahl haben", sagt Otto, denn erst dann sei es möglich, "jedem einzelnen Schicksal nachzuspüren."

Es gehe bei der Forschung vor allem darum, die Opfer zu "individualisieren".Auch entstehe eine neue Basis für die Gedenkstättenarbeit, zumal der freie Zugang zu den ausgewerteten Karteikarten vorgesehen ist. Otto: "Die Russen waren immerhin eine der größten Opfergruppen des Nationalsozialismus."

Erst nach dem Ende der Arbeit wird auch die Zahl der bei Hebertshausen Ermordeten geklärt sein. Bis Januar 1943 wurden bisher 652 Offiziere und 1300 Mannschaften nachgewiesen. Otto geht von insgesamt rund 4000 Opfern am SS-Schießplatz aus.


Mittwoch 8. November 2000, 19 Uhr, Evangelische Versöhnungskirche

Erinnerung an den Hitler-Attentäter Georg Elser

Anläßlich des 61. Jahrestages des knapp gescheiterten Attentats von Georg Elser auf Adolf Hitler im Münchner Bürgerbräu-Keller am 8. 11.1939 erwarten wir den Besuch einiger seiner Angehöriger sowie von Mitarbeitern der Georg- Elser- Gedenkstätte aus Königsbronn und Mitgliedern des Elser- Arbeitskreises aus Heidenheim. Unter anderem erwarten wir die Neffen von Georg Elser, Franz Hirth und Ewald Elser, sowie seinen Vetter Hans Elser, je mit ihren Ehefrauen. Ferner die Witwe seines Sohnes, Frau Isolde Bühl, den Bürgermeister seiner Heimatgemeinde Königsbronn, Michael Stütz und den Leiter der dortigen Gedenkstätte, Joachim Ziller.

Nach einer für ca. 14 Uhr 30 vorgesehenen Begrüßung duch Frau Barbara Distel, die Leiterin der KZ- Gedenkstätte Dachau, ist ein Rundgang durch die Gedenkstätte vorgesehen. Insbesondere sollen dabei auch die Zellen im Bunker besucht werden, in denen Georg Elser bis zu seinem Tod am 9. April 1945 gefangengehalten wurde, sowie der vermutliche Ort seiner Ermordung auf dem Gelände des ehemaligen Krematoriums. Abends ist dann eine Diskussionsrunde im Gesprächsraum der Versöhnungskirche auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers geplant. Zu Rundgang und abendlichem Gespräch sind Interessierte herzlich eingeladen.


Bericht der Süddeutschen Zeitung vom 10.11.2000:

Piller kann sich Elserstraße vorstellen

Abend mit Familienangehörigen des Hitler-Attentäters in der Versöhnungskirche

Von BeKu
Dachau. Die Stelle, an der Georg Elser im KZ Dachau hingerichtet wurde, soll besonders gekennzeichnet werden. Bei der Neugestaltung der Gedenkstätte werde die Person und die Tat noch mehr herausgestellt, berichtete der Historiker Ludwig Eiber vom Haus der Bayerischen Geschichte in München: "Die Öffnung der drei Zellen des Inhaftierten im Bunker ist erst der Anfang."

Über ihre Bemühungen, Elser den gebührenden Platz in der Geschichte des deutschen Widerstands einzuräumen, erzählten Angehörige, Historiker und Politiker in der Versöhnungskirche. Anna Andlauer, Vorsitzende des Vereins "Zum Beispiel Dachau" sprach von der "rührendsten Figur der Hitlerzeit überhaupt", für die es bis 1995 in der Heimatstadt Königsbronn noch nicht einmal eine Gedenktafel gegeben habe.

Oberbürgermeister Kurt Piller sagte bei der Veranstaltung, er könne sich vorstellen, dass eine Straße in Dachau nach dem Schreiner benannt werde. In München gibt es seit 1997 einen Platz mit Elsers Namen. "Wir haben drei Jahre lang gegen Widerstände angekämpft. Er hatte im Gegensatz zu den Geschwistern Scholl überhaupt keine Lobby", sagte Hella Schlumberger aus München.

Georg Elsers Vetter Hans, geboren 1921, beschrieb ihn als "bescheidenen, hilfsbereiten" Menschen. Das wichtigste war die Musik: Elser spielte Zither und Kontrabass. "Über Politik wurde nicht gesprochen." Gerhard Oberlader vom Arbeitskreis Geor Elser in Heidenheim erklärte, dass sich der damals 36-Jährige "selbst zum Einzelgänger gemacht hat, weil er niemanden reinziehen wollte". Allerdings zog das Geständnis des Einzelkämpfers am 14. November 1939 weite Kreise. Franz Hirth, der Sohn der Lieblingsschwester Maria, war als Elfjähriger vier Monate im Waisenhaus, weil seine Eltern von der Gestapo in Berlin verhört wurden: "Sie haben sich davon gesundheitlich nie wieder erholt und blieben jahrelang arbeitslos." Viele andere Verwandte und Bekannte waren zeitweise in Haft. Noch heute werde gelegentlich unter das Ortsschild Königsbronn ein Blatt mit "Attentatshausen" angehängt, berichtete Bürgermeister Michael Stütz. Die Gemeinde hat mittlerweile eine Gedenkstätte unter der Leitung von Joachim Ziller eingerichtet.

Die betroffene Elser-Familie habe geschwiegen, "es war ein Tabu-Thema", legte Ewald Elser, ein nach dem Krieg geborener Neffe dar. Die ehemaligen Lagerinsassen im KZ Dachau bekamen Georg Elser nicht zu Gesicht, sein Tod wurde erst 1950 geklärt.

 

Hinrichtung vor dem Krematorium

Georg Elser wurde am 9. April 1945 durch Genickschuss vor dem Krematorium im KZ Dachau von SS-Oberscharführer Theodor Bongartz auf Befehl Himmlers getötet. Nach seiner Verhaftung im November 1939 war er als Sonderhäftling ins KZ Sachsenhausen gebracht worden, Anfang 1945 nach Dachau. Den Sprengstoffanschlag am 8. November 1939 im Münchner Bürgerbräukeller hatte er im Alleingang monatelang vorbereitet. Hauptmotiv war der Wunsch, Einen Krieg und weiteres Morden zu verhindern. Hitler und die Führung des Nationalsozialismus hatten den Saal 13 Minuten vor der Explosion verlassen, um den Zug nach Berlin zu erreichen. Jahrzehntelang wurde Georg Elser als Widerstandskämpfer nicht angemessen gewürdigt. Hartnäckig hielten sich Gerüchte um angebliche Drahtzieher. Tatsächlich hatte niemand etwas von Elsers Vorhaben gewusst.


Samstag 20. Januar 2001, 17 Uhr, Jugendgästehaus Dachau, Roßwachtstr. 15:

Verein „Zum Beispiel Dachau“ feiert 20-jähriges Bestehen

Der Verein „Zum Beispiel Dachau e.V.“ - Arbeitskreis zur Erforschung der Dachauer Zeitgeschichte - kann jetzt auf ein 20-jähriges Bestehen zurückblicken.

Bei der Gründungsversammlung am 19. Januar 1981 wurde der Name „Zum Beispiel Dachau“ gewählt, weil sich die Dachauer Ereignisse zum Beispiel auch anderswo hätten abspielen können. Die Ziele und Aufgaben, die sich der Verein damals setzte, sind bis heute unverändert geblieben: Das Leben in Dachau vor, während und nach der Zeit des Nationalsozialismus zu erforschen, die Wirklichkeit des Konzentrationslagers Dachau zu beleuchten, die Erinnerung an die KZ-Häftlinge wachzuhalten und den Spuren von Humanität innerhalb und außerhalb des Lagers nachzugehen.

Zu den Gründungsmitgliedern und Mitgliedern der Anfangszeit gehörten neben interessierten Dachauer Bürgern auch eine Reihe ehemaliger Häftlinge, die mit ihrem Wissen und ihren Erfahrungen die Grundlage für die Forschungsarbeit des Vereins legten. Hans-Günter Richardi, Buchautor und Journalist, wurde damals zum Vorsitzenden gewählt und blieb es ununterbrochen bis zum November 1999. Unter seiner sachkundigen Regie gelang es dem Verein, sich mit zahlreichen zeitgeschichtlichen Veranstaltungen, Ausstellungen und mit der Schriftenreihe „Dachauer Dokumente“ einen Namen in Dachau und weit darüber hinaus zu machen. Die umfangreichen und historisch fundierten Forschungsergebnisse, die auch die schwierige Rolle der Dachauer Bürger im Dritten Reich berücksichtigten, veränderten zusehends die Einstellung von Politikern und Bürgern zu ihrer Geschichte. Es wurde begriffen, dass Dachau als Lern- und Begegnungsort eine Chance hat, seinem Namen eine neue Bedeutung zu geben.

Der runde Geburtstag des Vereins wird am 20. Januar 2001, 17 Uhr, im Jugendgästehaus Dachau begangen. Mitfeiern werden neben Bundestagspräsidentin a.D. Annemarie Renger, Landrat Hansjörg Christmann und Oberbürgermeister Kurt Piller auch ehemalige Dachau-Häftlinge aus dem In- und Ausland. Musikalisch wird das Festprogramm von zwei Kompositionen ehemaliger Dachau-Häftlinge umrahmt.


Bericht der Süddeutschen Zeitung vom 22.1.2001:

Verein „Zum Beispiel Dachau“ blickt auf 20 Jahre Arbeit zurück

Plädoyer für ganzheitliche Geschichtsbetrachtung

Vorsitzende Anna Andlauer spricht von Brücken zwischen ehemaligen KZ- Häftlingen und Nachgeborenen

Von Robert Probst
Dachau. „Die Zeit war reif, sich der NS-Vergangenheit zu stellen.“ Die Vorsitzende des Vereins „Zum Beispiel Dachau“, Anna Andlauer, zeichnete in ihrem Rückblick anlässlich der 20-Jahr-Feier im Jugendgästehaus noch einmal die „aufgewühlte Zeit“ um 1980 nach, die schließlich am 19.Januar 1981 zur Gründung der Arbeitsgemeinschaft zur Erforschung der Dachauer Zeitgeschichte geführt hatte.

Mit seiner Arbeit habe der Verein „Verkrampfungen gelöst und Ängste abgebaut“, sagte Andlauer. Die beiden „Keimzellen“ des Vereins seien Gruppen der Volkshochschule und der Versöhnungskirche gewesen. Diese Leute habe es „viel Mut gekostet, erste zittrige Schritte zu gehen“. Das Ziel sei gewesen, „erfahrbar zu machen, was geschehen war“ und „Brücken zu bauen zwischen Häftlingen und Nachgeborenen“.

1981 bestand die „große Kluft“ zwischen dem „einen und dem anderen Dachau“ – hier ein 1200 Jahre alter Künstlerort, dort 12 Jahre dunkle Periode der NS-Zeit. Jetzt, 20 Jahre später, seien Brücken gebaut zwischen dem ehemaligen Lager und der Stadt, „Dachau ist harmonisch geworden“, sagte Andlauer. Dies beweise auch die Anwesenheit von Alt-Oberbürgermeister Lorenz Reitmeier, früher der größte Verfechter des zweigeteilten Dachau-Bildes.

Andlauer forderte die Stadt auf, als „Chance für Dachau“ und Zeichen gegen den Rechtsextremismus eine Straße nach Georg Elser zu benennen. Elser hatte 1939 versucht, Hitler durch ein Bombenattentat zu töten; er wurde kurz vor Kriegsende im KZ Dachau ermordet.

Für besonderes Engagement im Verein erhielten Hans-Günter Richardi, 19 Jahre Vorsitzender und nun Ehrenvorsitzender, sowie Eleonore Philipp und Simon Andrä, beide seit 20 Jahren im Vorstand, einen Blumenstrauß.

Auch zahlreiche Überlebende der KZ-Haft aus dem In- und Ausland überbrachten ihre Grußbotschaften. Hans Landauer aus Wien betonte, er freue sich wirklich, wieder einmal in Dachau zu sein, obwohl sich das bei einem ehemaligen Dachau-Häftling vielleicht seltsam anhöre. Doch auch damals habe es ein „anderes Deutschland“ gegeben. So habe er als Arbeiter in der Porzellanmanufaktur immer wieder „Solidarität und Hilfe von Zivilisten erfahren“. Edmont Falkuss (85) aus Paris erzählte ebenfalls von seinen Erfahrungen im KZ Dachau. Sehr nachdenkliche Worte wählte Nikolaus Lehner. Angesichts des zunehmenden Antisemitismus in Deutschland frage er sich oft: „Was habe ich als Zeitzeuge mit meinen Vorträgen erreicht?“ Seine Antwort: „Wärst du nicht hingegangen, wäre es vielleicht noch schlimmer.“ Als Zeitzeuge habe er nun einmal eine Verpflichtung übernommen, Resignation sei nicht erlaubt.

 

Musik, die im KZ entstanden ist

Dachau. Zwei Kompositionen ehemaliger Dachau-Häftlinge bildeten das musikalische Rahmenprogramm der 20-Jahr-Feier des Vereins Zum Beispiel Dachau. Walter Brachtel (Violoncello), Georgi Georgiev (Viola) und Vladimir Lakatos (Violine) spielten eine „Phantasie für Streichinstrumente“, ein Präludium und Fuge über das alte Kirchenlied „Christ ist erstanden“. Dieses „Ostertrio“ hatte der Pater GregorSchwake im März 1945 im KZ Dachau komponiert. Die Uraufführung fand zu Ostern 1945, kurz vor der Befreiung, im KZ statt.
Höhepunkt des Abends war schließlich die eindrucksvolle Darbietung des
„Dachau-Liedes“, dargeboten von einem Streichquartett und der Männergesangsgruppe des Volkschors Dachau unter der Leitung von Jürgen Rothaug. Dieses Lied schrieben im Jahr 1938 Jura Soyfer und Herbert Zipper, deren Arbeitskommando wochenlang durch das Tor mit der zynischen Aufschrift „Arbeit macht frei“ gehen musste.

Bewusstseinsbildung

Die Ehrengäste würdigten die Arbeit des Vereins nachdrücklich. „Zum Beispiel Dachau“ habe der Bevölkerung „bewusst gemacht, dass man sich der Geschichte stellen muss“, sagte Landrat Hansjörg Christmann (CSU). Der Verein habe der Stadt und dem Landkreis „ein wenig geholfen, mit Problemen fertig zu werden“. Oberbürgermeister Kurt Piller (ÜB) sagte, der Verein habe einen „wesentlichen Beitrag geleistet, dass sich die Stadt ihrer Geschichte stellt und mit der Geschichte umgeht“.
Der Vorsitzende der Lagergemeinschaft Dachau, Max Mannheimer, schließlich wünschte sich eine verbesserte Zusammenarbeit mit anderen Vereinen. Die „Rivalitäten“ sollten aufhören, meinte Mannheimer in Anspielung auf wissenschaftliche Auseinandersetzungen in der Vergangenheit. Bei der Geschichte gehe es nicht um Konkurrenz.


Mittwoch 14. Februar 2001, 19 Uhr, Hotel Fischer, Bahnhofstr. 4:

Das KZ-Außenkommando „Im Vollerholz“

Wir laden ein zu einem Gesprächsabend mit Blasius Thätter MdL. Er berichtet über das wenig bekannte KZ-Außenkommando „Im Vollerholz“. Zwischen Großberghofen und Erdweg befand sich 1944/45 eine Großbaustelle, auf der Dachauer KZ-Häftlinge eingesetzt waren. Als Kind machte Blasius Thätter dort seine Beobachtungen und hatte Kontakt zu den Gefangenen aufgenommen.

Interessierte sind herzlich eingeladen; der Eintritt ist frei.


Bericht der Süddeutschen Zeitung vom 16.2.2001:

Erinnerung an KZ-Außenkommando

Blasius Thätter referiert über seine Kindheit und über seinen Vater 1944/45

Von Robert Probst
Dachau. Sehr persönliche Erinnerungen an die Zeit von 1944/45 gab CSU-Landtagsabgeordneter Blasius Thätter am Mittwoch bei einer Veranstaltung des Vereins „Zum Beispiel Dachau“ im Hotel Fischer preis. Thätter (geboren 1936) sprach über seine Erlebnisse als Achtjähriger, als zwischen Großberghofen und Erdweg im „Vollerholz“ von einem KZ-Außenkommando eine große Halle errichtet wurde und von Begegnungen mit den Häftlingen.

Jahrzehntelang habe er sich mit dieser Zeit nicht auseinandergesetzt, sagte Thätter vor 20 Zuhörern, erst, als er einige Jugenderlebnisse aufgeschrieben habe - die übrigens auch als Buch erscheinen sollen - habe er wieder Erinnerungen an die Kindheit nachgespürt. Thätters Vater kam aus „kleinen Verhältnissen“ und hatte es bis zum Kriegsbeginn als Inhaber eines Baugeschäfts in Großberghofen zu „gewissem Wohlstand“ gebracht. Der Vater war sehr früh der SA und etwa 1937 der NSDAP beigetreten. Dieser habe die „Sache geglaubt und ernsthaft betrieben“, betonte Thätter. Die Firma des Vaters galt als kriegswichtig, wenn auch bis 1944 von den vormals 50 Arbeitern alle bis auf seinen Vater und einen Vorarbeiter zum Kriegsdienst eingezogen worden waren.

Und der Vater war Bauleiter in einem KZ-Außenkommando, das seit dem Frühjahr 1944 im „Vollerholz“ eine große Holzhalle errichtete. Täglich kamen von da an zwei Busse voller Häftlinge aus Dachau, die dort von Montag bis Samstag - auch bei großer Kälte - auf der Baustelle arbeiten mussten. Die Halle, die als Wurstfabrik geplant war, wurde zwar bis Kriegsende fertig, wurde jedoch nicht mehr für den ursprünglichen Zweck genutzt. Nach 1945 befand sich dort die Tuchfabrik Bernstein, heute produziert nach Thätters Angaben die Firma Valeo in dieser Halle.

Der kleine Blasius durfte hie und da sogar mit seinem Vater auf die Baustelle. Die Buben bezeichneten die Häftlinge aufgrund ihrer gestreiften Kleidung als „Sträflinge“. Auf die Frage, wieso sie solche Kleidung trugen und warum sie bewacht würden, antwortete der Vater: „Sie sind da, weil sie was angestellt haben.“. Die Häftlinge selbst waren bis auf zwei deutsche Kapos alle aus dem Osten, kaum einer sprach deutsch. Auf der Baustelle, die nicht abgesperrt und daher für alle Dorfbewohner gut einsehbar war, habe wohl nicht die „Härte geherrscht, wie vielleicht sonst“, mutmaßte Thätter in seinem Vortrag.

Sein Vater, so Thätter, habe in Erdweg zu den wenigen „Überzeugten“ gehört, erst später habe er wohl den Irrweg der NS-Ideologie eingesehen. Thätter selbst hat diesen „Irrsinn“ erst als Jugendlicher realisiert und deswegen auch große und „harte Auseinandersetzungen“ mit seinem Vater geführt. Jedoch habe sein Vater den Häftlingen auch aus Mitmenschlichkeit immer wieder geholfen. In seiner Aktenmappe habe er oft Lebensmittel auf die Baustelle gebracht. Eines Tages kurz nach Kriegsende standen drei KZ-Häftlinge vor dem Haus in Großberghofen. Die Mutter fürchtete, sie wollten Rache nehmen, und wollte den Vater verstecken. Doch der Vater ging an die Tür - und die Häftlinge bedankten sich bei ihm, schloss Thätter seinen Bericht.

 

Tauschgeschäfte mit Häftlingen

Dachau. Von diversen Akten der Unterstützung für KZ-Häftlinge im Außenkommando „Vollerholz“ berichtete Blasius Thätter beim Verein „Zum Beispiel Dachau“. Die Buben hätten mit den Häftlingen auf der Baustelle oft „kleine Tauschgeschäfte“ betrieben, berichtete Thätter. Die Häftlinge hätten stets um Nahrungsmittel gebeten. Trotz der strengen Rationierung 1944/45 sei es aber meist gelungen, etwa Eier oder Brot zu „organisieren“. Von den Häftlingen bekamen die Kinder im Gegenzug Ringe aus Blei oder kleine Holzspielzeuge, etwa eine Taube mit beweglichen Flügeln.
Einmal habe ihm ein russischer Häftling einen Zehn-Mark-Schein gegeben und um Brot gebeten. Der acht Jahre alte Blasius ging zur Bäckerei Neuhäusler, die der Bruder des späteren Weihbischofs, der zu der Zeit im KZ saß, betrieb und legte den Schein auf den Tisch. Ohne die dazu nötigen Lebensmittelmarken erhielt er einen Wecken Brot von der Schwester des Bäckers, die genau wusste, wofür es gedacht war. Und es gab die Metzgersfrau aus Großberghofen, die für die Häftlinge Wurstbrote aufs Fensterbrett legte.


Montag 25. Juni 2001, 19 Uhr 30, Gasthof Zieglerbräu, Konrad Adenauer Str.

War IBM schuld am Holocaust ?

An jedem 4. Montag eines Monats wollen wir ab sofort einen Stammtisch abhalten, zu dem jeder herzlich eingeladen ist. Es soll dabei über ein zeitgeschichtliches Thema referiert werden mit anschließender Gelegenheit zur Diskussion. Zur Eröffnung dieser Reihe stellt unser Vereinsmitglied Jörg Andlauer seine kritische Analyse des Buches „IBM und der Holocaust“ vor.


Bericht der Süddeutschen Zeitung vom 28.6.2001:

Kritik an Edwin Blacks Buch

Jörg Andlauer zerpflückt die Theorien aus „IBM und der Holocaust“

Von Dorothea Friedrich
Dachau. Furore weit über die Grenzen des Fachpublikums hinaus macht derzeit das kürzlich erschienene Buch „IBM und der Holocaust“ von Edwin Black. Für den Verein „Zum Beispiel Dachau“ unterzog Datenverarbeitungsfachmann Jörg Andlauer das Werk einer kritischen Analyse und stellte seine Untersuchungsergebnisse vor.

Kernaussage von Black ist, IBM habe während der Nazi-Zeit an der Spitze der „Pyramide der Verantwortlichkeit“ gestanden. Erst duch den massiven Einsatz von IBM-Technologie sei es möglich geworden, alle Juden in Deutschland und in den besetzten Ländern zu identifizieren. Durch eine perfekte, IBM-gestützte Logistik hätten die Nazis die Transporte in die Konzentrations- und Vernichtungslager auf die jeweilige Vernichtungskapazität in den Todeslagern abgestimmt. Durch optimale Planung sei die Arbeitskraft der KZ-Häftlinge bis zu ihrer tödlichen Erschöpfung ausgepresst worden.

„Auf 700 Seiten lernt der Leser nicht, wie Lochkartentechnologie funktioniert“ leitete Andlauer vor einer kleinen Zuhörerzahl seine Kritik an Blacks Thesen ein. Die nach ihrem Erfinder so genannten Hollerith-Maschinen hätten mit ihrem Datensatz von maximal 60 Zeichen zwar einfache Rechenoperationen ermöglicht; im Gegensatz zu heutigen Computern hätten sie aber keine Daten speichern und verknüpfen können. Der Datenspeicher war die Karte selbst: „Dieser Zusammenhang scheint Herrn Black völlig unklar zu sein“, sagte Andlauer. So sei es etwa bei der Volkszählung 1933 und 1939 zwar möglich gewesen, die Zahl der Juden in einer Stadt festzustellen, ihren Namen und Wohnsitz hätte man aber nur durch Rückgriff auf die handschriftlichen Erfassungsbögen herausfinden können, von denen ursprünglich einige Daten auf Lochkarten übertragen worden waren. Zur Erfassung von Namen und Anschriften sei vielmehr Druck auf jüdische Gemeinden ausgeübt worden. Außerdem seien in großem Umfang Kirchenbücher herangezogen worden.

Bis ins Detail zerpflückte Andlauer etliche Belege Blacks. Insgesamt, so der Datenexperte, sei das Ergebnis „ziemlich besorgniserregend“ gewesen. Die Quellenauswertung sei „unsolide und kühn interpretiert“. Als „völlig schamlos“ bezeichnete er die Behauptung Blacks, die Hollerith-Kodierung habe den „Sprung von der individuellen Vernichtung zum Vökermord“ ermöglicht. Herbe Kritik gab es auch an etlichen Rezensionen des Buchs. Die hätten sich vornehmlich auf ein von Black selbst verfasstes Abstract aus der Sunday Times vom 11. Februar 2001 gestützt.

 

Alternativer Buchtip

Das viel diskutierte Buch von Edwin Black „IBM und der Holocaust“ war Thema eines offenen Stammtischs von „Zum Beispiel Dachau“. Als Ergebnis seiner Analyse des Werks, das im Februar gleichzeitig in 25 Ländern und acht Sprachen erschienen ist, stellte der Datenverarbeitungsexperte Jörg Andlauer fest, er könne nur jedem „dringend abraten“, das Buch zu kaufen. Es sei „chaotisch und unsystematisch“. Statt dessen empfahl er zu diesem „wichtigen und interessanten Thema“ die Lektüre von „Die restlose Erfassung“. Die Autoren Götz Aly und Karl H. Roth beschreiben darin administrative Erfassungs- und Sortiertechniken des NS-Systems. (Fischer Taschenbuch in der Reihe Fischer Geschichte 14767, ISBN 3-596-14767-0)
dfr


Montag 17. September 2001, 19 Uhr 30, Gasthof Zieglerbräu, Konrad Adenauer Str.

Der Prozess gegen Pater Leonhard Roth

Beim Stammtisch an diesem Abend referiert unser Vereinsmitglied Franz Pawelka über den Sittlichkeitsprozess vom 3. September 1937, der gegen Pater Leonhard Roth in Abwesenheit vor dem Langericht Bonn geführt wurde. Pater Roth befand sich zu dieser Zeit bereis im Schweizer Exil, wurde 1941 an Deutschland ausgeliefert und kam aufgrund des NS-Urteils für zwei Jahre ins Gefängnis Rottenburg/Neckar. Anschließend wurde er von der Gestapo ins Konzentrationslager Dachau eingewiesen, wo er bis zur Befreiung Ende April 1945 blieb.

Franz Pawelka geht der Frage nach, ob es sich 1937 um einen regulären, korrekt geführten Prozess gegen Pater Roth handelte oder um eine politisch eingefädelte und konstruierte Willkürmaßnahme, so wie 1936/37 eine lange Reihe von Sittlichkeitsprozessen inszeniert wurden gegen Priester und Ordensleute zur Verächtlichmachung der Kirche. Pater Roth hatte zum Sachverhalt damals eine Gegendarstellung aus der Schweiz an seinen Dominikanerorden und an die Polizei geschickt.

40 Jahre nach Pater Roths Tod können jetzt die Prozessakten für Forschungszwecke im Staatsarchiv von Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf eingesehen werden.

Vielen Dachauern ist Pater Roth noch in bester Erinnerung als Seelsorger des Flüchtlingslagers Dachau-Ost, als brillanter Prediger und streitbarer Kämpfer für die Errichtung einer würdigen Gedenkstätte auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers.

Mitglieder des Vereins und alle Interessierte sind herzlich eingeladen.


Bericht der Süddeutschen Zeitung vom 1.10.2001:

Opfer von Erpressern

Vortrag über das NS-Urteil gegen Pater Roth

Von cff
Dachau. Der Fall war eingefädelt und konstruiert, um einen Kanzelredner zum Schweigen zu bringen, dessen moralische und religiöse Autorität zu vernichten. Zu diesem Urteil kommt Franz Pawelka über den sogenannten Sittlichkeitsprozess gegen Pater Leonhard Roth. Pawelka ist Mitglied des Vereins „Zum Beispiel Dachau“. Dort referierte er über das „NS-Urteil“ gegen Roth.

Der Dominikanerpater ist vielen noch als Seelsorger des Flüchtlingslagers in Erinnerung, das nach der Befreiung im ehemaligen Konzentrationslager Dachau eingerichtet war. Roth setzte sich auch für den Aufbau einer KZ-Gedenkstätte ein. Von 1943 bis 1945 war der Pater selbst im KZ Dachau interniert. Bevor ihn die Gestapo nach Dachau brachte, saß Roth zwei Jahre in Rottenburg / Neckar im Gefängnis. Grundlage für die Auslieferung aus der Schweiz und Inhaftierung war ein Urteil des Landgerichts Bonn. 1937 hatte es Roth in Abwesenheit nach dem Homosexuellenparagraf 175 zu zwei Jahren Haft verurteilt.

Liebesbriefe, die Roth einer Dirne und einem Strichjungen geschrieben haben soll, begründeten die Anklage, die Roth ins KZ Dachau brachten. „Nur, und das ist das Paradoxe: Pater Roth steht zu diesen Liebesbriefen, er bekennt, sie geschrieben zu haben, allerdings unter besonderen Umständen: Er wurde erpresst, sie zu schreiben“, sagt Pawelka. Seinem Orden habe Roth 1937 aus dem Schweizer Exil bedauernd von der „teuflischen Raffinesse einer Verbrecherbande, der ich, wenn ich so sagen darf, ohne es zu wissen und zu wollen, ins Garn gegangen bin“ geschrieben. Eine Zufallsbekanntschaft, eine harmlos klingende Einladung, die dazu ausgenutzt wurde, ihn zu kompromittieren und zu erpressen, so schildere Pater Leonhard Roth selbst die Vorgänge.

Pawelka versucht in seinem Referat nicht nur Widersprüche und Ungereimtheiten im Prozess gegen Roth aufzuzeigen. Auf der Suche nach Motiven, den unbequemen Prediger loszuwerden, kommt er auch auf Roths Bruder Josef zu sprechen. Dieser sei ebenfalls Priester, aber ein fanatischer Anhänger Hitlers gewesen. Im Reichskirchenministerium habe er es zum Ministerialdirigenten gebracht. Pawelka zufolge war Josef Roth einer der Hauptorganisatoren der Sittlichkeitsprozesse. Kritisch würdigt Pawelka auch das Verhalten des aus Eisenhofen stammenden Weihbischofs Johannes Neuhäusler. Dieser habe Pater Roth nicht geglaubt und dies auch öffentlich kundgetan.


Montag 15. Oktober 2001, 19 Uhr 30, Gasthof Zieglerbräu, Konrad-Adenauer-Str.

Wie zwei Dachauer Brüder die Nazi-Zeit erlebten

Beim Stammtisch an diesem Abend berichten zwei Zeitzeugen über ihre Erlebnisse während der Nazi-Zeit. Unsere Gäste sind Richard und Erich Zellner, geboren 1921 und 1925. Sie haben zum Beispiel die Verhaftung ihres Sportkameraden Georg Scherer in der ASV-Turnhalle im Jahr 1935 miterlebt.

Alle Interessierte sind herzlich eingeladen.


Bericht der Süddeutschen Zeitung vom 17.10.2001:

Einblicke ins Dachau der Jahre 1930 bis 1945

Erich und Richard Zellner berichten von der „Notstandsgemeinde“ und von Georg Scherer

Von Robert Probst
Dachau. Lebendige Einblicke in das Dachau der Jahre 1930 bis 1945 gaben beim offenen Stammtisch des Vereins „Zum Beispiel Dachau“ am Montag Richard und Erich Zellner. Vor rund 30 interessierten Zuhörern sprachen die beiden Brüder über ihre Erlebnisse als Kinder und Jugendliche in der NS-Zeit und ihre Berührungen mit dem Konzentrationslager.

Vorsitzende Anna Andlauer moderierte das Gespräch im Nebenzimmer des Zieglerbräu. Richard (geboren 1921) und Erich (geboren 1925) Zellner erzählten zunächst aus ihrer Kindheit am Ende der Weimarer Republik. Beide erinnern sich noch gut an das schwierige Leben während der Weltwirtschaftskrise. Dachau war damals „Notstandsgemeinde“ wegen der beängstigend hohen Arbeitslosenzahl. Den Zellners ging es dennoch vergleichsweise gut. Der Vater war Bäckergeselle, die Mutter war in der Papierfabrik beschäftigt. Gleichwohl waren selbst damals Doppelverdiener nicht gut angesehen in der Bevölkerung. Das traditionelle Rollenverständnis blieb auch in Notzeiten gültig. Schon als Schüler kamen die beiden Brüder in Berührung mit der SPD. Der Onkel war SPD-Gemeinderat, auch der Ortsvorsitzende, Oberlehrer Hans Hammer, verkehrte im Hause Zellner. Auch der Vater war in der Gewerkschaft, er kämpfte damals etwa für die 48-Stunden-Woche.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde der Vater vier Wochen in Stadelheim inhaftiert, danach war Schluss mit der politischen Betätigung, gesprochen wurde darüber zu Hause nicht. Bereits 1933 hatte Richard Zellner Häftlinge vor dem KZ bei Arbeiten mit der Straßenwalze beobachtet - ein „unheimliches Erlebnis“, sagte er beim Verein „Zum Beispiel Dachau“. Bei Zellners zu Hause wurde darüber seinerzeit nicht gesprochen. 1935 waren die Brüder dabei, als der bekannte Sportler und spätere Widerstandskämpfer Georg Scherer bei den Vorbereitungen einer Weihnachtsfeier in der Turnhalle an der Brunngartenstraße verhaftet wurde. Zwei Männer hätten ihn abgeholt, die Aktion sei „nicht so spektakulär“ gewesen, wie sie immer geschildert werde, sagte Richard Zellner. Zunächst habe man sich gar nichts dabei gedacht, erst später habe man erfahren, dass er ins KZ verschleppt worden war.

Beide Brüder erinnern sich an Erlebnisse mit KZ-Häftlingen. Am Bahnhof wurden oft entlassene Häftlinge gesehen. 1939/40 war Richard Zellner als Beamtenanwärter sogar einmal bei einer Musterung im KZ dabei. Seine Eindrücke: „Alles sehr sauber, militärischer Drill, ein umfangreiches Angebot in der Kantine.“

 

Lebendige Erinnerung

Dachau. Der Verein „Zum Beispiel Dachau“ hat sich zur Aufgabe gemacht, die Erinnerungen von alten Dachauern zum Thema Zeitgeschichte einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Richard (80) und Erich (76) Zellner hatten zahlreiche Episoden zu erzählen, die auch bei dem einen oder anderen Zuhörer wieder Erinnerungen weckten und einen spannenden Dialog enstehen ließen.

Richard Zellner war zuletzt Verwaltungsdirektor am Landratsamt Dachau. Dort hatte er 1938 als Anwärter begonnen. Damals arbeiteten im Bezirksamt sechs Beamte. Die Ausbildung war „spärlich“, sofort musste der 17-Jährige die Kfz-Zulassungsstelle alleine managen. Erich Zellner war zuletzt Oberregierungsrat im Landesamt für Umweltschutz. Er erinnert sich unter anderem an Kontakte mit der jüdischen Familie Neumeier. Die hatten eine Wippe und Schaukel im Garten. 1934 wurde zu Weihnachten ein Krippenspiel im Hause Neumeier inszeniert - die Familie war evangelisch konvertiert. Kurz vor der Aufführung im Jahr 1935 wurde die Veranstaltung vom NSDAP-Kreisleiter kurzerhand abgesagt.

Beide Brüder blieben lange Jahre dem ASV des Georg Scherer treu. Erich Zellner war lange zweiter Vorsitzender des Vereins. Scherer selbst hat über seine Erlebnisse im KZ öffentlich nie etwas erzählt.
rop


Dienstag 5. Februar 2002, 19 Uhr 30, Ludwig-Thoma-Haus   (gemeinsam mit dem Dachauer Forum)

Heilkräuter im Konzentrationslager

Die Deutsche Versuchsanstalt für Ernährung und Verpflegung 1939-45

Während der NS-Herrschaft zwang die SS Insassen der Konzentrationslager zur Arbeit in fremden wie eigenen Betrieben. Eine der SS-eigenen Firmen war die "Deutsche Versuchsanstalt für Ernährung und Verpflegung" (DVA), die in Konzentrationslagern Heilkräuter anbauen ließ und landwirtschaftliche Betriebe nach der biologisch- dynamischen Wirtschaftsweise führte. Der größte DVA-Betrieb war die berüchtigte "Plantage" im KZ Dachau.
In seinem Vortag wird Christoph Kopke, Politikwissenschaftler aus Berlin, eingehen auf die Geschichte und Vorgeschichte der DVA und ihren zeitgenössischen ideologischen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Kontext. Ein Schwerpunkt liegt auch auf der Darstellung der Verhältnisse auf der Dachauer "Plantage".


Montag 18. März 2002, 19 Uhr 30, Gasthof Zieglerbräu, Konrad-Adenauer-Str.

Von der Pulverfabrik zur Bereitschaftspolizei

Reinhard Papenfuß, der Referent bei unserem heutigen Stammtisch, gehört zum Stammpersonal der Bereitschaftspolizei in Dachau und befasst sich seit 16 Jahren detailgenau mit der Geschichte dieses Areals. Sein Lichtbildervortag stellt viele bislang unveröffentlichte Abbildungen vom Ort der ehemaligen Pulver- und Munitionsfabrik und des späteren SS- Ausbildungslagers in den geschichtlichen Zusammenhang.

Interessierte sind herzlich eingeladen.


Begleitveranstaltung zur Ausstellung „Endstation Dachau“

Dienstag 29. April 2003, 19 Uhr 30, Josef-Effner-Gymnasium Dachau, Erich-Ollenhauer-Str. 12

Filmvorführung

Die Befreiung des Konzentrationslagers Dachau - Filmdokumente der 7. US-Armee, kommentiert von Barbara Distel (Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau).

 


Bericht der Dachauer Rundschau vom 7.5.2003:

Zum 58. Jahrestag der Befreiuung des KZs Dachau

Bedrückende Bilder von Hunger und Leichenbergen

Dachau (rds) „Schwer zu verkraftende Bilder“, die einstmals schon die amerikanischen Soldaten bei ihrer Aufnahme schockiert hätten, zeigte der Verein „Zum Beispiel Dachau“ zum 58. Jahrestag der Befreiung des KZs Dachau durch amerikanische Truppen. Die Filmsequenzen führte Vereinsvorsitzende Anna Andlauer vor. Sie bat die Zuhörer, sehr darauf zu achten, wie die Bilder von Leichenbergen und durch Hunger gezeichneten Überlebenden auf jeden einzelnen wirkten. Kommentiert wurden die Bilder von der Leiterin der KZ-Gedenkstätte Barbara Distel. Bis auf den letzten Platz besetzt war der Filmraum im Josef-Effner-Gymnasium. Unter den Besuchern waren auch die Stadträte Katharina Ernst und Volker C. Koch (beide SPD) und Gabriele Steinlechner (Bündnis für Dachau).

Viele Gefangene, so Distel, starben nach der Befreiung an den Folgen der Typhus-Epidemie im Lager oder weil man den fast verhungerten Menschen von Ärzten unkontrolliert große Mengen Essen gab, was deren ausgemergelte Organe nicht mehr verkraften konnten. Insgesamt, so Distel, wurden zwischen 1933 und 1945 über 200.000 Menschen durch das Dachauer KZ geschleust.

Kritik aus dem Publikum wurde vereinzelt laut, dass die Berge von Toten, die im Film zu sehen waren, nicht typisch für das KZ Dachau gewesen seien. Aber diese Bilder seien als Dachauer Geschehen um die Welt gegangen. Noch heute, so diese Kritik, halte man den Dachauern diese Grausamkeiten vor. Doch die meisten Opfer seien erst in den letzten drei bis vier Monaten aus anderen Teilen des zusammenbrechenden Dritten Reichs nach Dachau gebracht und teilweise auch wieder weitergeschickt worden. Erst dadurch seien die Typhus-Epidemie ausgebrochen und die Verhältnisse so unhaltbar geworden. Hinzu sei der Zusammenbruch der Versorgung gegen Ende des Krieges gekommen.

Doch genau hierzu kam es fast zum Eklat mit anderen Zuhörern. Sie wiesen vehement darauf hin, dass eben diese Leichenberge und die katastrophalen Verhältnisse, egal durch was sie jeweils im Einzelnen ausgelöst wurden, sehr wohl auch ein Teil des Geschehens in und um das Dachauer KZ in den letzten Kriegstagen und -wochen waren. Barbara Distel versuchte den Kritikern klar zu machen, dass es bei diesem Film nicht um „Schuldzuweisung“ gehe, sondern um authentische Dokumentation zum Jahrestag der Befreiung des KZs. Distel: „Seither wurden viele Aufnahmen von schrecklichen Ereignissen an vielen Orten auf der Welt aufgezeichnet. Doch hier handelt es sich um einen Teil der Geschichte von Dachau.“

Mit zu einem Teil dieser Geschichte gehörten sicher auch die Filmsequenzen von den gefangenen und teilweise auch erschossenen SS-Leuten sowie von fassungslosen Dachauer Bürgern und Bürgerinnen angesichts der Leichenberge. Nach welchen Maßstäben diese von den Amerikanern zum Besuch des KZs mit seinen Leichenbergen gezwungen worden waren, ließe sich nicht mehr so genau rekonstruieren, meinten Andlauer und Distel.