Geschichte des KL Dachau


Von Dietrich Mittler

 
Flammen als Fanal des Terrors


Der Brand des Reichstagsgebäudes in Berlin am 27. Februar 1933 liefert den Nationalsozialisten den Vorwand, um zum vernichtenden Schlag gegen ihre erbittertsten politischen Gegner auszuholen. Noch sind die Flammen nicht gelöscht, als Hermann Göring bereits gegen besseres Wissen behauptet, kommunistische Brandstifter hätten das Feuer im Parlamentsgebäude gelegt.


Es ist das Fanal zu einer einzigartigen Menschenjagd, die Hitler in die Wege leiten lässt, um "mit diesem bolschewistischen Untermenschen aufzuräumen". In seiner Eigenschaft als preußischer Innenminister verdammt Göring die Kommunisten in Pressegesprächen und in einer Rundfunkansprache als Terroristen, die zu weiteren Schandtaten bereit seien. "Gewiss, ich werde die Macht des Staates und der Polizei bis zum äußersten gebrauchen", droht er seinen Gegnern an. Es sind keine leeren Worte, denn schon führen SA- und SS-Trupps, in aller Eile als Hilfspolizisten vereidigt, eine Verhaftungswelle gegen Kommunisten durch, denen bald Sozialdemokraten und Gewerkschafter in die Gefangenschaft folgen. Die gesetzliche Grundlage für diese Aktion liefert die "Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat" vom 28. Februar 1933, die es gestattet, alle politischen Gegner ohne richterlichen Spruch für unbestimmte Zeit in Haft zu nehmen.

 
Der Weg ins Konzentrationslager


In Bayern durchkämmt Reichsführer-SS Heinich Himmler das Land nach politischen Gegnern. Bald schon sind die Gefängnisse im Freistaat voll von "Schutzhäftlingen", wie die Nationalsozialisten ihre politischen Gefangenen bezeichnen. Der Strafvollzug ist durch die Massenverhaftungen, die kein Ende nehmen, völlig überfordert. Doch eine Lösung bietet sich bald an: Am 13. März 1933 weist der Staatskommissar des Inneren, Adolf Wagner, seinen Amtskollegen Hans Frank im Justizministerium mit folgenden Worten auf die Möglichkeit hin, die politischen Häftlinge an Plätzen zu konzentrieren, die außerhalb der Gefängnisse liegen: "Falls die den Justizbehörden zur Verfügung stehenden Gefängnisse nicht ausreichend sein sollten, empfehle ich, dieselben Methoden zur Anwendung zu bringen, die man früher den Masseninhaftierten der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei gegenüber anwandte. Man sperrte sie bekanntlich in irgendein leerstehendes Gemäuer und kümmerte sich nicht darum, ob sie den Unbilden der Witterung ausgesetzt waren oder nicht."


Über die Einrichtung des "Konzentrationslagers" unterrichtet Himmler die Öffentlichkeit zum ersten Mal am 20. März in einer Pressebesprechung. Zwei Tage später, am 22. März 1933, eröffnen die Nationalsozialisten in einer ehemaligen Pulver- und Munitionsfabrik, die auf den angrenzenden Gemeindefluren der beiden Dörfer Etzenhausen und Prittlbach in der Nähe der Marktgemeinde Dachau liegt, das erste offizielle Sonderlager für kommunistische Schutzhäftlinge. Auf offenen Lastwagen treffen die Gefangenen auf dem verwaisten Werkgelände ein. Als vorläufige Unterkunft dient den Männern - sie kommen aus dem Gefängnis Stadelheim in München und aus der Strafanstalt Landsberg am Lech - das ehemalige Verwaltungsgebäude, das durch einen Stacheldrahtzaun gegen das übrige Werkgelände abgeschirmt wird. Am Vorabend haben hier 54 Beamte der 2. Polizei-Hundertschaft aus München den Wachdienst übernommen. Sie eröffnen den ankommenden Häftlingen, dass sie sich nun in Schutzhaft befänden.

 
Die SS übernimmt das Lager


Himmler, am 1. April 1933 zum Politischen Polizeikommandeur Bayerns ernannt, unterstellt das KL sofort sich selbst in seiner Funktion als Chef der politischen Hilfspolizei, die sich aus Angehörigen der SA und der SS zusammensetzt. Damit ist er seinem Ziel näher, das Lager aus dem Machtbereich der Bayerischen Landespolizei in die Zuständigkeit der SS zu überstellen. Gegen diese Maßnahme protestieren leitende Beamte der Schutzpolizei München schriftlich. Der Reichsführer-SS lenkt ein und erklärt sich damit einverstanden, dass die SS im KL Dachau zwar die Wachmannschaften stelle, die Führung und die Ausbildung der SS-Wachtruppe aber in den Händen der Polizei bleibe. Die Schutzpolizei München meldet am 7. April in einem Rundschreiben: "Die Bewachung des Sammellagers Dachau wird ab Dienstag, 11. 4. 33, von politischer Hilfspolizei (SS) übernommen. Die Führer für das Wachkommando werden von der Bereitsch. Pol. gegeben."


In der Nacht werden die Häftlinge von den eintreffenden SS-Männern geweckt. Entsetzt vernehmen sie die Worte des SS-Oberführers Freiherr von Malsen-Ponickau, der in seiner Ansprache an die Truppe herausbrüllt: "Wir sind nicht hierhergekommen, um diesen Schweinekerlen da drinnen menschlich zu begegnen. Wir betrachten sie nicht als Menschen, wie wir sind, sondern als Menschen zweiter Klasse." In größter Eile baut die SS in den folgenden Wochen ihre Position im Lager aus: Bestand die erste SS-Einheit zunächst aus nur etwa sechzig Mann, so beläuft sich die Zahl der Bewacher am 12. April bereits auf 196, am 20. April auf 217 und am 30. April auf 233 Mann.

 
Die blutige Ernte der NS-Diktatur


Der Wechsel des Wachpersonals stellt im Leben der Schutzhäftlinge einen katastrophalen Einschnitt dar, denn der Polizei-Führer, der zwar nach außen dem gesamten Lager vorsteht, hat über die Gefangenen keine Befehlsgewalt mehr. Der wirkliche Herr über das Lager ist SS-Sturmhauptführer Hilmar Wäckerle, mit welchem in Dachau ein auf deutschem Boden bisher noch nie dagewesener Terror seinen Lauf nimmt. Bis zur Befreiung des Lagers am 29. April 1945 wurden nach gesicherten Angaben des Internationalen Suchdienstes in Arolsen mindestens 206.206 Häftlinge aus 27 Nationen in das KL Dachau eingeliefert. Zunächst im Standesamt der Gemeinde Prittlbach, später im lagereigenen Standesamt Dachau II, ist der Tod von 31.951 Gefangenen beurkundet. Durch willkürliche und geplante Mordtaten der Bewacher, durch "medizinische Versuche", schlechte Ernährung und Entkräftung, durch Erfrierungen und Seuchen und aus seelischer Not sind sie zu Tode gekommen. Unberücksichtigt in der Totenliste des KL Dachau sind indes die vielen Menschen, die auf "Invalidentransport" geschickt und im Schloß Hartheim bei Linz heimtückisch vergast worden sind. Ganz im dunklen bleibt zudem die Zahl Tausender russischer Kriegsgefangener, die 1941 und 1942 aufgrund des "Kommissar-Erlasses" unweit des Konzentrationslagers auf dem Schießplatz Hebertshausen erschossen worden sind. Wieviele Menschen noch im März und April 1945 auf den Todesmärschen ums Leben gekommen sind, als die SS vor den anrückenden Amerikanern das Lager räumen wollte, ist ebenfalls unbekannt.