Rundgang durch die KZ-Gedenkstätte Dachau


Von Hans-Günter Richardi

 
Man betritt die KZ-Gedenkstätte an der Ostseite und geht an dem Ostflügel des ehemaligen Wirtschaftsgebäudes, der heute die Verwaltung, das Archiv (mit über 14500 Dokumenten, Photos und Berichten) und die Bibliothek des KZ-Museums (mit mehr als 5000 Titeln) beherbergt, vorbei zum Appellplatz. Auf dem Appellplatz hatten die Häftlinge, zweimal am Tag - morgens und abends - zum sogenannten Zählappell anzutreten, der dazu diente, die genaue Lagerstärke festzustellen. Am Morgen formierten sich hier außerdem die verschiedenen Arbeitskommandos der Gefangenen, bevor sie nach der Abnahme des Zählappells durch den diensttuenden SS-Schutzhaftlagerführer unter Führung eines Capos oder auch mehrerer Capos zum Arbeitseinsatz außerhalb des Schutzhaftlagers (zum Beispiel in den benachbarten SS-Wirtschaftsbetrieben, in Baukommandos oder auf der "Plantage") ausrückten.

 Eingangsbereich zur Gedenkstätte

 

Heute erinnert auf dem Appellplatz das Internationale Mahnmal, das am 8. September 1968 eingeweiht wurde, an das Leiden und Sterben der Dachauer Häftlinge. Das Denkmal, das 100 Meter lang und 48 Meter breit ist, entwarf der jugoslawische Bildhauer Glid Nandor. Der Zickzack-Weg, der zwischen zwei Betonwänden in die Tiefe führt, sowie das Relief einer Kette aus Bronze, das eine Länge von 9,50 Metern und eine Höhe von 1,50 Metern hat, und die bronzene Skulptur (16 Meter lang und 6,30 Meter hoch), die in sich verschlungene Skelette darstellt, symbolisieren den Leidensweg der Häftlinge bis zu ihrem Tod. Das Mahnmal trägt an seiner Westseite folgende Inschrift in französischer, englischer, deutscher und russischer Sprache: "Möge das Vorbild derer, die hier von 1933 bis 1945 wegen ihres Kampfes gegen den Nationalsozialismus ihr Leben ließen, die Lebenden vereinen zur Verteidigung des Friedens und der Freiheit und in Ehrfurcht vor der Würde des Menschen." An der Ostseite des Denkmals stehen in denselben Sprachen die Worte: "Nie wieder." Davor befindet sich in einem Granitblock die Urne mit der Asche eines unbekannten politischen Häftlings, der im KZ Dachau starb. Sie wurde hier am 7. Mai 1967 beigesetzt.

 

 Mahnmal und Museum

 

Hinter dem Internationalen Mahnmal erstreckt sich der langgezogene Mittelbau des ehemaligen Wirtschaftsgebäudes, der jetzt das KZ-Museum beherbergt. (Das Dach trug früher die Aufschrift: "Es gibt einen Weg zur Freiheit. Seine Meilensteine heißen: Gehorsam, Fleiß, Ehrlichkeit, Ordnung, Sauberkeit, Nüchternheit, Wahrhaftigkeit, Opfersinn und Liebe zum Vaterland!") Das KZ-Museum entstand nach den Plänen des Internationalen Dachau-Komitees. Es wurde am 9. Mai 1965 zusammen mit der Gedenkstätte eröffnet. Die Exponate der Ausstellung, die mit einer fünfsprachigen Beschriftung versehen sind, bestehen vor allem aus Photos und Dokumenten. Sie informieren über die Anfänge des Dachauer Lagers, über die verschiedenen Häftlingskategorien (wie politische Gefangene, Ernste Bibelforscher, Homosexuelle, Emigranten, Juden sowie sogenannte Asoziale und Kriminelle), über das Leben im Lager, über Arbeitseinsätze und Verpflegung der Gefangenen, über Lagerstrafen, über den Häftlingskrankenbau (HKB), kurz "Revier" genannt, und über die medizinischen Versuche sowie über die Befreiung des Lagers durch amerikanische Truppen am 29. April 1945. Darüber hinaus enthält die Dokumentationsschau einen einführenden Teil zur Vorgeschichte des Dritten Reiches und Unterlagen zur Entwicklung des KZ- Systems bis hin zu den Vernichtungslagern. In der Ausstellung wird außerdem der Dokumentarfilm "KZ Dachau" (Länge: 20 Minuten) gezeigt. Die Vorführung findet täglich statt: in deutscher Sprache um 11, 13.30 und 15 Uhr, in englischer Sprache um 11.30, 14 und 15.30 Uhr.

 

 Jourhaus
   

Nach dem Besuch des KZ-Museums wendet man sich links zum Jourhaus, das die Westseite des Appellplatzes begrenzt. Das Jourhaus, auch "Dienstgebäude" genannt, war der Sitz der Lagerleitung mit den Büros der drei Schutzhaftlagerführer und der Rapportführer sowie mit der Wachstube der Blockführer. Es bildete zugleich lange Zeit den einzigen Zugang zum Häftlingslager. Das Eisengitter des Tors, das eine Rekonstruktion ist, trägt die berüchtigten Worte: "Arbeit macht frei." Wie Franz Goldschmitt, der einer der 2579 im KZ Dachau inhaftierten katholischen Priester war, in seinem Buch "Zeugen des Abendlands" schreibt, war das Jourhaus "das von den Häftlingen am meisten gefürchtete Gebäude". Sein Tor durfte "man nie bedeckten Hauptes passieren".

 

 Bunker

 

 

Am Jourhaus hält man sich links und geht am Westflügel des Wirtschaftsgebäudes entlang zum Bunker. Der Bunker, offizielle Bezeichnung: Kommandanturarrest (KA), war das Gefängnis des Lagers mit mehr als 150 Einzelzellen. Im Arresthof, aber auch im Brausebad des Wirtschaftsgebäudes, vollstreckte die SS Lagerstrafen, wie das gefürchtete "Pfahlhängen" und die Prügelstrafe mit dem Ochsenziemer ("Bock" genannt). An den Bunker, der auch sogenannte Ehrenhäftlinge (Martin Niemöller, Johannes Neuhäusler) beherbergte, schloss sich im Osten das "Straflager der SS und Polizei" an. Vom Bunker kehrt man zum Jourhaus zurück und folgt nun dem Weg, der parallel zur Würm verläuft, geradeaus zum Krematoriumsbereich, den man auf zwei Brücken, zunächst über einen befestigten Graben und dann über die Würm, erreicht. Am Weg zu den beiden Dachauer Krematorien steht links in einer Grünanlage das beeindruckende Standbild des "Unbekannten KZ-Häftlings", das Fritz Koelle schuf.

 

Krematorium (Baracke X)

 

In den beiden Krematorien wurden die Häftlinge, die im Lager starben, und die Opfer der Massenexekutionen auf dem Schießplatz der SS in Hebertshausen eingeäschert. Das große Krematorium, die sogenannte Baracke X, diente zugleich der Münchner Gestapo als Hinrichtungsstätte. Das Gebäude wurde in den Jahren 1942/43 von Häftlingen errichtet, nachdem die Sterblichkeit unter den Gefangenen so sehr zugenommen hatte, dass der ältere Krematoriumsbau aus dem Jahre 1940, der nur einen Verbrennungsofen enthielt, nicht mehr ausreichte. Das neue Krematorium, das die SS nicht zuletzt auch im Hinblick auf neue geplante Massenvernichtungen erbaute, wurde mit vier Verbrennungsöfen und mit einer Gaskammer ausgestattet, die als Brausebad getarnt war. Die Lagerleitung nahm sie jedoch aus bisher noch unbekannten Gründen nicht in Betrieb. (Gegenüber dem großen Krematorium liegt der zweite, kleinere Bau.)

 

Verbrennungsöfen im Krematorium