Ein notwendiger Rückblick


Das Verhältnis zwischen der Stadt Dachau und dem Konzentrationslager in der NS-Zeit


Von Dietrich Mittler


Es gibt sehr wenige Worte auf dieser Welt, die in allen Sprachen von allen Völkern verstanden werden. Eins davon heißt "Dachau". Im Jahre 1792 hinterließ der bayerische Historiker, Volkspädagoge und Kirchenmann Lorenz Westenrieder der Nachwelt noch folgende Beschreibung: "Der Markt Dachau selbst ist, ohne eben schön zu seyn (...), ein frischer, fröhlicher und lachender Ort." Zweihundert Jahre sind vergangen. Nun liest der Fremde das: "Dieser erbärmliche, ätzende, süßliche Urinstinkgeruch. Er wird seit Dachau 1945 um die Welt ziehen (...). Bei jedem Augenausstechen, Hängen, Köpfen, Verbrennen, Verhungern und Erschießen wird immer jemand Dachau sagen (...)."


"Dachau", so erfährt der beflissene Besucher, "lebt mit der Last einer schweren Vergangenheit." Nichts habe der Name dieser Stadt von seinem furchtbaren Klang verloren. Tausendfache Schreie haben das frische, fröhliche Lachen, das Westenrieder im Ohr klang, verstummen lassen. "Dachau ist der Ort eines Menschheitsverbrechens", er steht "weltweit für Verfolgung, Folter, Terror und Mord", und nur "zögernd setzt man seinen Fuß auf ein Gelände, in dem die Steine und jede Handbreit Boden von dem furchtbaren Geschehen reden, das sich hier vollzogen hat" - "Fluch über diesen Namen!", geschändet vom Nationalsozialismus.

 

Zwei Tage nach der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau hatte die amerikanische Öffentlichkeit am 1. Mai 1945 erstmals durch die Presse von den unglaublichen Bildern erfahren, die sich den US-Truppen bei der Einnahme des Lagers boten. "Die Baracken in Dachau", so schreibt Maguerite Higgins, eine amerikanische Journalistin, die mit den Truppen auf Dachau vorgerückt war und die als Augenzeugin über die dramatischen Ereignisse berichtete, "waren angefüllt mit dem Gestank von Tod und Krankheit, wie jene von Buchenwald."

 

Zu den schrecklichsten Eindrücken zählten die Waggons des Buchenwald-Transportes, übersät mit den leblosen Körpern verhungerter und erschossener Menschen. Mehr als 3000 Leichen fanden die Amerikaner zudem im Krematoriumsbereich. Auch nach der Befreiung wütete im Lager die Fleckfieber-Epidemie weiter, die das ihre dazutat, daß die Sterbestatistik im Lager für den Mai 1945 2226 Tote verzeichnete und weitere 196 verstorbene Menschen im Juni. Nachdem die Einäscherung der vielen Toten im Krematorium des Lagers den Amerikanern nicht schnell genug vorangegangen war, gaben sie Anfang Mai dem widerstrebenden Dachauer Landrat Dr. Heinrich Kneuer die Anweisung, die Toten in einem Massengrab bestatten zu lassen. Abtransport von Leichen Auf offenen Fuhrwerken wurden die Leichen der KZ-Opfer von Bauern aus den nahegelegenen Dörfern Etzenhausen und Prittlbach auf die Etzenhausener Leiten gebracht und dort bestattet - vorbei an den fassungslosen Einwohnern der Stadt Dachau. Mit dem Transport der Toten direkt durch die Stadt verfolgten die Amerikaner das erklärte Ziel, den Einwohnern von Dachau vor Augen zu führen, welche Verbrechen sich in ihrer Nachbarschaft abgespielt hatten. Außerdem forderten sie mehr als 30 prominente Dachauer Bürger und Bürgerinnen auf, sich die Berge von Leichen in der Totenkammer des Krematoriums im Konzentrationslager anzusehen. In den Gesichtern der Dachauer spiegelt sich beim Anblick der ausgezehrten Häftlingskörper blankes Entsetzen wider, Frauen brachen in Tränen aus. Amerikanische Frontberichterstatter hielten diese Szenen für die Welt in einem Film fest.

 

"Was haben die Dachauer von den Greueltaten im KZ gewusst?" Dies ist schlechthin die Kernfrage der amerikanischen Besatzungsmacht und auch die der Weltöffentlichkeit. Diese Frage steht immer wieder im Raum, selbst dann, wenn sie nicht ausgesprochen wird. Dabei ist das Mißtrauen gegenüber den Dachauern so groß, dass die US-Soldaten das Entsetzen der Bürger über die nach der Befreiung bekanntgewordenen Vorgänge im Lager für gespielt halten. "Erbittert berichten die Amerikaner, dass die Standard-Entschuldigung der Dachauer, NSDAP-Mitglieder oder nicht, war: 'Wir sind alle belogen worden.` Alle gaben aber zu, dass sie von der Existenz des Lagers wussten, dass sie die Arbeitskommandos unter Bewachung durch die Straßen hatten marschieren sehen und daß sich die SS in den Jahren 1934/35 auch der Stadtbevölkerung gegenüber brutal benommen habe", schreibt Anton Großmann in seinem Aufsatz "Stadt und Landkreis Dachau im Schatten des Konzentrationslagers".

 

Daß die SS ihre Greueltaten im Lager selbst vor den Häftlingen zu verbergen suchte, daß entlassene Häftlinge bei Gefahr für ihr Leben sogar ihren Ehefrauen verschweigen mußten, was sie im KZ gesehen und erlebt hatten, davon erfuhren die amerikanischen Besatzer erst durch ehemalige Dachau-Häftlinge, die sich schützend vor die Bürger der Stadt stellten. Tatsächlich waren es 1945 KZ-Häftlinge, die, gerade erst aus dem Konzentrationslager befreit, für die Stadt eine Ehrenerklärung abgaben. Demonstrativ feierten sie nach der Befreiung mit Dachauer Bürgern einen Dankgottesdienst, und hoben dort die Blutsbrüderschaft zwischen der Stadt und dem Lager hervor, - waren doch beim "Dachauer Aufstand" sowohl Bürger als auch Häftlinge im gemeinsamen Kampf gegen die SS ums Leben gekommen.

 

Für die Dachauer sprechen überdies die Ergebnisse der letzten halbwegs freien Wahlen im Jahre 1933, bei denen der Stimmenanteil der NSDAP in Dachau beträchtlich unter dem Durchschnitt in Bayern und im Reich lag. Es soll zudem nicht verschwiegen werden, daß bereits am Morgen nach der Eröffnung des Konzentrationslagers ganze 64 Dachauer Kommunisten in Schutzhaft kamen. Auf der anderen Seite läßt sich aber nicht leugnen, daß die Bürger dieser Stadt, bei aller Ablehnung, die viele von Anfang an gegenüber der SS und dem KZ empfanden, "auffallend rasch" in den NS-Alltag hineingeglitten waren. Nicht nur Bürgerliche, etwa die Mitglieder der Bayerischen Volkspartei, die in der Schutzhaft unter Druck der Nationalsozialisten ihren Austritt aus der klerikalkonservativen Partei erklären und zugleich ihre politischen Ämter niederlegen mußten, sondern auch etliche der Dachauer Sozialdemokraten wurden in diesen Tagen zu tragischen Figuren, als sie sich - nicht zuletzt aus wirtschaftlichen Überlegungen - der neuen Macht im Staate beugten und schließlich sogar Hitlers Ehrenbürgerschaft im Stadtrat zustimmten. Einige Dachauer Bürger hatten sogar gezielt den Kontakt zur SS gepflegt und beträchtlichen finanziellen Gewinn aus der Existenz des Konzentrationslagers gezogen.

 

Den Großteil der Bevölkerung aber trifft ein solcher Vorwurf mit Sicherheit nicht. Die Majorität der Dachauer musste 1945 jedoch Rede und Antwort stehen, warum sie sich nicht - das eigene Leben missachtend - dazwischengeworfen hatte, um dem Terror der SS ein Ende zu machen. Angesichts der schrecklichen Bilder, die jetzt um die Welt gingen, zählten die beachtlich vielen stillen Solidaritätsakte, etwa das heimliche Zustecken von Brot und Kartoffeln, in den Augen der Sieger nur wenig. In einem Brief eines amerikanischen Soldaten, den die "Süddeutsche Zeitung" im Herbst 1945 abdruckt, heißt es etwa: "Zwölf Millionen christliche Märtyrer, Mütter, Väter, Söhne und Töchter starben auf Befehl der grausamen römischen Imperatoren. Diese Christen opferten alles, ausgenommen ihren Glauben. Siehst Du, aus diesem Grund werden die Amerikaner ungeduldig mit den Deutschen, die sagen: 'Wir konnten den Unglücklichen in Dachau nicht helfen. Wenn wir es getan hätten, würde uns die SS getötet haben. Wir wären verhungert, und unsere Familien hätten zu leiden gehabt.` Christus sagt jedoch, dass er die Lauen aus seinem Mund speien wird."

 

Natürlich hatten die Bürger der Stadt die ausgemergelten Arbeitskommandos aus dem Lager bemerkt, und natürlich hatten Bauern aus der Umgebung kurz vor Kriegsende auch beobachtet, dass die SS auf dem Leitenberg KZ-Häftlinge dazu gezwungen hatte, tiefe Gruben auszuheben. Sie hatten auch die vielen Fuhrwerke gesehen, die, scharf bewacht, immer wieder mit verdeckter Fracht dorthin gefahren waren. Und voller Furcht hatten sie die Köpfe gesenkt, als die SS ihnen brüllend und fluchend bedeutet hatte, sofort ihre Augen wieder auf die Feldarbeit zu richten.

 

In einer Informationsschrift der US-Armee für die Truppe wird kurz nach der Befreiung festgestellt: "Obwohl sich die Bevölkerung insgesamt die äußerste Bestialität der SS und die ekelerregenden Vorkommnisse hinter den verschlossenen Toren des Lagers lebhaft vorstellen konnte, hatte sie Angst, auch nur etwas zu sagen - geschweige denn, etwas zu tun -, denn der Schatten des Lagers hing auch über ihr. Mehrere Personen behaupteten, dass sich solche Fälle tatsächlich zugetragen hatten, und dass die Leute sogar Angst davor hatten, Häftlingstransporte zu beobachten, in der Furcht, sie selbst könnten interniert werden, wegen des bloßen Wissens um die Verbrechen. Das ganze System basierte vermutlich auf der barbarischen Theorie, dass 'Tote keine Geschichten erzählen'."

 

Die über 32.000 Häftlinge, die am 29. April 1945 ihre Befreiung durch die Amerikaner erleben, legen nun jedoch ungehindert Zeugnis ab von all den Verbrechen, die an ihnen und ihren Kameraden begangen worden sind. Nach dem Eintreffen der amerikanischen Truppen in Dachau lassen sie im Mai 1945 eine "zwar kurzlebige aber dafür äußerst vielfältige Presselandschaft" entstehen. Und so kommen die ersten freien Zeitungen in Deutschland nach dem Ende des SS-Terrors im befreiten Konzentrationslager heraus. Es handelt sich dabei um hektographierte Blätter, die von den jeweiligen Nationalkomitees im DIN-A4-Format publiziert werden. Die deutschen Häftlinge geben ihr erstes Mitteilungsblatt am 6. Mai 1945 heraus. Sie nennen es "Der Antifaschist", Untertitel: "Stimme der Deutschen aus Dachau". Als die Stunde des langerhofften Abschieds naht, gibt der ehemalige Lagerälteste Oskar Müller seinen Kameraden, die mit ihm die letzten hundert Tage von Dachau erlebt und erlitten haben, eine Losung mit auf den Weg, die mit ungebrochener Kraft in die Zukunft weist: "Wir wollen für uns und unsere Jugend ein neues Deutschland aufbauen, ein Deutschland des Antifaschismus, der Freiheit, der Demokratie."


Daheim jedoch, zurückgekehrt aus dem Konzentrationslager, kehren die Bilder der Vergangenheit zurück, werden sie laut, die bohrenden Fragen nach dem "Warum". "Allein bin ich an meinem Tische, ganz allein mit meinen Erinnerungen", schreibt der Belgier und ehemalige Dachau-Häftling Arthur Haulot im Juni 1945 in einer schlaflosen Nacht. "Harte und grausame Erinnerungen steigen in mir auf", so Haulot weiter, "Erinnerungen an dunkle und auch an sonnige Tage, an nervenaufreibenden illegalen Kampf, an Grauen und Unmenschlichkeit im Lager; Erinnerungen vor allem an meine toten Kameraden." Haulot bittet diese Kameraden in dieser Nacht um Verzeihung: "Euch hat der Tod genommen, und mich hat er nicht haben wollen." Doch daß alles Leid umsonst gewesen sein soll, dagegen wehrt sich Haulot aus tiefster Seele. Dies wäre wohl die ärgste Demütigung, die die SS noch nach ihrer Vernichtung den Opfern hätte antun können. Alles bäumt sich in Haulot gegen diese Vorstellung auf. Und so schreibt er im inneren Dialog mit seinen toten Kameraden: "Ihr werdet weiterleben, weil ihr, dem Tode trotzend, ihn überwunden habt; weil ihr, draußen wie in der Heimat, die wahren Sieger seid. Und die Welt von morgen, - mag sie sich dessen erinnern oder es vergessen, - sie wird Euer Zeichen tragen."